Bildungsexpansion
1. Was ist die “Bildungsexpansion”?
Der Begriff „Bildungsexpansion“ bezeichnet den „Ausbau des Bildungssystems, die Ausweitung von Bildungsgelegenheiten und eine erhöhte Nachfrage nach Bildung“ (Becker & Hadjar, 2009) – im sozialwissenschaftlichen und historischen Kontext die „gestiegene Bildungsbeteiligung, längere Verweildauer im Bildungssystem und beschleunigte Zunahme höherer Schulabschlüsse nach den Bildungsreformen in den 1960er und 1970er Jahren“ (ebd.). Zunächst soll hier ein Überblick zum historischen Kontext erfolgen, um anschließend kurz die aktuelle Situation anzuregen, welche in den folgenden Beiträgen vertieft wird.
1.1 Historischer Kontext
Einhergehend mit der Aufklärung und Industrialisierung gewann auch die Forderung nach einer zunehmend aufgeklärten Bildung in Deutschland an Einfluss: Die Bildungssysteme sollten säkularisiert werden, ferner vollzog sich eine Einführung und Ausweitung der gesetzlichen Schulpflicht sowie einer Elementarschulbildung. Der nach dem Ersten Weltkrieg folgende Demokratieschub in Europa öffnete die eben genannte Ausweitung hin zum Großteil der Bevölkerung, deren Bildung nun angestrebt wurde. So wurde beispielsweise die Volksschule bzw. die verpflichtende Teilnahme daran eingeführt. Das Ende des Zweiten Weltkriegs markiert sensu stricto den Beginn der Bildungsexpansion: Die Sekundarschulen folgten nun der bereits erwähnten Öffnung des Zugangs unabhängig von der sozialen Herkunft.
Die Bildungsexpansion wurde aus verschiedenen Gründen motiviert. Aus konservativer Sicht suchte man, den vermeintlich wirtschaftlichen Vorsprung anderer Länder aufzuholen – um die zunehmende Abhängigkeit Deutschlands von anderen Ländern abzuwenden – das Interesse war also vor allem ökonomisch motiviert. Aus sozialdemokratischer Sicht galt hingegen das Ideal der Demokratisierung, für welche die Chancengleichheit auch in der Bildung unabdingbar ist, als Begründung für die angestrebte Expansion. Im Begriff der Bildungsexpansion wie auch in dessen praktischem Vollzug insistieren demgemäß zwei im Grunde antagonistische Interessen.
Es bietet sich hier an, die Bildungsexpansion als ein Werkzeug zu betrachten. Picht deklarierte 1964 einen „Bildungsnotstand“ – es herrschte ein Mangel an Lehrerinnen, eine geringe Quote an AbiturientInnen sowie eine mangelnde Qualität der Bildung und Ausstattung. Ursache hierfür sind die einzelnen Bundesländer, die ihre jeweiligen Bildungssysteme bestimmen. Um hier entgegenzusteuern, wurde zunehmend die ganzheitliche Etablierung allgemeiner gesetzlicher Grundlagen gesucht, die alle Bundesländer einführen.
1.2 Aktuelle Situation
Im aktuellen Diskurs um die Bildungsexpansion stellt sich unter anderem die Frage, ob und inwiefern der Ausbau des Zugangs zur Bildung unabhängig von der sozialen Herkunft auch wirklich mit einer Abnahme von (Bildungs)Ungerechtigkeiten einhergeht – wie am Anfang dargelegt, ist die Anzahl der Bevölkerung, die einen Hochschulabschluss erlangt, gestiegen, nur tut sich hier die Frage auf, ob sich die Ungerechtigkeiten nicht einfach verschoben haben?
2. Bildungsexpansion in früher, schulischer und Hochschulbildung
2.1 Frühe Bildung
Erst seit den 2000er Jahren rückt auch die frühkindliche Bildung stärker in den Fokus – insbesondere durch bildungspolitische Debatten im Kontext von PISA und dem Wunsch nach früher Förderung.
Frühkindliche Bildung wurde lange als Betreuung (nicht als Bildung) verstanden. Die Expansion dieses Sektors begann später und ist nicht automatisch mit mehr Chancengleichheit verbunden. Frühkindliche Bildung gilt als Schlüssel zur Reduktion von Bildungsungleichheit. Doch der Zugang zu Bildungs- und Betreuungsangeboten ist sozial ungleich verteilt. In der Studie untersuchen de Moll und Betz (2014) auf Grundlage von Daten der bundesweit repräsentativen Studie „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (AID:A), wie sich soziale Klasse und Migrationsstatus auf die Bildungs- und Betreuungsarrangements von Vorschulkindern auswirken. Die Stichprobe umfasst rund 2.400 Elternteile (überwiegend Mütter) von Kindern im Alter von drei bis fünf Jahren. Etwa 22,9 % der Kinder haben einen Migrationshintergrund, was eine differenzierte Betrachtung von Herkunftseffekten ermöglicht.
Die Erhebung wurde zwischen Mai und Oktober 2009 durchgeführt und basierte auf standardisierten Telefoninterviews. Inhaltlich erfassten die Interviews neben Betreuungsformen auch Bildungsaktivitäten, sozioökonomische Merkmale, Familienstruktur und Migrationsstatus der Befragten.
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass Kinder aus oberen sozialen Klassen häufiger bezahlte Betreuung und organisierte Bildungsangebote nutzen, während Kinder aus unteren Klassen öfter innerhalb der Familie – etwa durch Geschwister oder Großeltern – betreut werden. Kinder mit Migrationshintergrund nehmen seltener an zusätzlichen Bildungsangeboten teil. Insgesamt hat die soziale Klasse einen stärkeren Einfluss als der Migrationsstatus, wobei beide Faktoren sich kumulativ nachteilig auf den Zugang zu förderlichen Arrangements auswirken können.
Die frühkindlichen Bildungsungleichheiten sind ein Spiegel sozialer Ungleichheit. Obwohl die institutionelle frühkindliche Bildung quantitativ ausgeweitet wurde, profitieren nicht alle Familien im gleichen Maße von förderlichen Angeboten. Die Stärken der Studie liegen in ihrer großen und repräsentativen Stichprobe sowie der differenzierten Betrachtung verschiedener Betreuungsformen unter Berücksichtigung theoretischer Konzepte. Als Schwächen nennen die Autorinnen das Fehlen von Längsschnittdaten, die Begrenzung auf elterliche Selbstauskünfte sowie die Tatsache, dass keine direkte Beobachtung kindlicher Entwicklungsergebnisse vorgenommen wurde.
Die Bildungsexpansion hat den Zugang zur Bildung deutlich verbessert, aber frühkindliche Bildung wurde erst spät als Bildungsinstitution anerkannt.
Soziale Ungleichheiten zeigen sich bereits vor dem Schuleintritt und werden in der frühen Bildung nicht aufgehoben, sondern oft verstärkt.
Quantitative Ausweitung allein reicht nicht – es braucht gezielte Maßnahmen zur qualitativen Förderung benachteiligter Gruppen im frühkindlichen Bereich.
- Produziert von der Pädagogischen Hochschule St. Gallen.
- Wissenschaftlich fundiert und praxisnah: z. B. Übergänge in den Kindergarten, Sprachförderung, musisch-ästhetische Bildung
- Fokus auf Bildungsdebatten, auch frühkindliche Förderung.
- Z. B. Folgen zu Leseförderung, Lernplanung sowie Einfluss auf Vorschulalter; bietet wissenschaftliche Perspektiven mit praktischem Bezug
- Fokus auf Empfehlungen für frühe Bildung und digitale Potenziale
2.2 Schulische Bildung
Im Hinblick auf Ungleichheiten im Bildungssystem werden primäre und sekundäre Herkunftseffekte beschrieben. Während sich die primären Herkunftseffekte auf den direkten Einfluss der sozialen Herkunft aufgrund unterschiedlicher Ressourcen und Bildungsanregungen beziehen, zeichnen sich sekundäre Herkunftseffekte innerhalb der Entscheidungen in Bildungsübergängen aufgrund von Kosten-Nutzen-Abwägungen ab.
Im Laufe der Bildungsexpansion stiegen die AbiturientInnenzahlen in Deutschland stark an. So absolvierten im Jahr 2001 knapp 26% der SchülerInnen ihr Abitur, 2015 waren es schon 58%. Eine Frage, die sich dabei stellt, ist inwiefern dieser Anstieg durch einen möglichen Rückgang von Herkunftseffekten im Bildungssystem erklärt werden kann.
Eine Langzeitstudie von Scharf, Becker, Neumann & Maaz (2023), die SchülerInnen während ihres ersten Übergangs von der Primar- auf die Sekundarstufe untersuchte und später nach ihren Aspirationen nach dem Absolvieren des Abiturs fragte, versuchte diese Frage zu beantworten. Die der Studie zugrundeliegenden Daten stammen aus der LAU- und KESS-Studie, an welchen fast die gesamte Schülerinnenschaft Hamburgs teilnahm. Die Erhebung fachspezifischer Kompetenzen im Laufe der LAU-Studie wurde im Jahr 1996 mit allen Schülerinnen der 5. Jahrgangsstufe durchgeführt. Die Studie prüfte des Weiteren, welche der Schülerinnen auf ein Gymnasium gingen und berücksichtigte dabei auch den höchsten Bildungsabschluss im Haushalt, um die soziale Herkunft zu ermitteln. Die untersuchten Schülerinnen wurden zum Abschluss ihres Abiturs im Jahr 2005 nochmals getestet und außerdem befragt, ob sie im Anschluss an die Schulzeit ein Studium aufnehmen wollen. Nach dem gleichen Prinzip wurden im Laufe der KESS-Studie im Jahr 2003 Schülerinnen der 4. Jahrgangsstufe und nach Abschluss ihres Abiturs im Jahr 2011/12 untersucht.
Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass es einen Anstieg an Gymnasialbesuchen zwischen den Jahren 1996 und 2003 gab. Die Teilnahme stieg von 41,8% auf 43,4% an. Es konnte außerdem aufgezeigt werden, dass sich der Einfluss sekundärer Herkunftseffekte beim Übergang in die Sekundarstufe verringerte. Gleichzeitig wurde dieser Übergang dennoch stark von der sozialen Herkunft beeinflusst, was zu der Annahme führt, dass sich der Einfluss primärer Herkunftseffekte hier vergrößerte. Auf der anderen Seite konnte bei der Betrachtung der Bildungsaspirationen nach dem Erhalt des Abiturs ein steigender Einfluss der sekundären Herkunftseffekte gezeigt werden. Dieser stieg von 83% auf 87% an. Betrachtet man also die Bildungsexpansion im Hinblick auf die Abiturient*innenquoten und die anschließende Entscheidung einen Universitätsabschluss anzustreben, lassen sich noch immer klare Ungleichheiten im Bildungssystem verzeichnen.
- WZB-Bildungspodcast von Simone Grellmann, Benjamin Edelstein & Fiona Bauer (2022)
Video von www.bpb.de
2.3 Hochschulbildung
In Bezug auf die Hochschulbildung ist der unterschiedliche Zugang zum Arbeitsmarkt besonders hervorzuheben. Im Bereich der Sekundärbildung konnten sich im Zuge der Bildungsexpansion die Ungleichheiten verringern, während sich im Zugang zur Tertiärbildung größere Unterschiede und Ungleichheiten aufzeigen lassen. Dieser Umstand lässt sich in vertikalen sowie horizontalen Ungleichheiten nachweisen:
Vertikale Ungleichheiten: Welcher Bildungsweg wird nach dem Schulabschluss gewählt?Beispiel: Geht eine Person nach erfolgreichem Schulabschluss zur Universität, zur Fachhochschule, in eine Berufsausbildung oder verlässt das Bildungssystem
Horizontale Ungleichheiten: Ungleichheiten bei Wahl des Studienganges/der Ausbildung; Unterschiede bei wahrgenommenen gesellschaftlichen Prestige der jeweiligen horizontalen Bildungskarrieren
Bei den horizontalen Ungleichheiten ist festzustellen, dass z.B. die Wahl des Studienfaches mitunter vom persönlichen sozialen Hintergrund, wie dem Akademisierungsgrad der Eltern zusammenhängt. So kann festgestellt werden, dass eine Person, die in einem Arbeiterhaushalt sozialisiert wurde, eher weniger einen Studiengang mit hohem gesellschaftlichen Prestige (wie beispielsweise Jura oder Medizin) wählen würde. Dies hat nachfolgend auch Implikationen für den jeweiligen zukünftigen Karriereweg. So hängen auch Einkommensmöglichkeiten und daraus resultierende Rentenansprüche mitunter an horizontalen Ungleichheiten.
3. Interdisziplinäre Perspektiven
3.1 Psychologie
In der Forschung wird der Zusammenhang der Bildungsaspirationen von Schüler*innen und dem jeweiligen Bildungsstand ihrer Eltern oftmals anhand des sozioökonomischen Status beschrieben. Eine Frage, die seltener untersucht wird, ist, inwiefern sich Genetik auf die Bildungsentscheidungen auswirken kann. Sollte ein stärker werdender Zusammenhang zwischen der Genetik und Bildungsentscheidungen erkannt werden, so wäre dies ein Indiz für abnehmende Einflüsse der Umwelt.
Eine Zwillingsstudie in Großbritannien von Ayorech, Krapohl, Plomin & von Stumm (2017) untersuchte den genetischen Einfluss auf Bildungsaspirationen von 12210 Jugendlichen. Davon waren 2128 eineiige Zwillinge und 3977 zweieiige Zwillinge (davon 1997 gleichgeschlechtliche zweieiige Zwillinge). Die Zwillinge wurden danach gefragt, ob sie ihre A-Levels absolviert hätten. Außerdem wurde der höchste Bildungsabschluss der Erziehungsberechtigten abgefragt.
Daraufhin wurden die Jugendlichen in vier Gruppen eingeteilt. Zum einen Jugendliche, die einen vermeintlich höheren Bildungsabschluss als ihre Erziehungsberechtigten anstrebten. Außerdem Jugendliche, welche einen vermeintlich niedrigeren Bildungsabschluss als ihre Erziehungsberechtigten anstrebten. Die beiden weiteren Gruppen bestanden aus den Jugendlichen, die keine A-Levels absolvierten und ebenfalls keine Erziehungsberechtigten mit einem höheren Bildungsabschluss hatten und Jugendlichen, die ihrer A-Levels absolvierten und auch hoch gebildete Erziehungsberechtigte hatten.
Aus der Studie ergab sich, dass es durchaus einen stärkeren Zusammenhang der Bildungsaspirationen bei eineiigen Zwillingen gab, als dies bei zweieiigen Zwillingen der Fall war. Dieses Ergebnis lässt einen leichten Zusammenhang der Genetik mit möglichen Bildungsentscheidungen vermuten. Trotzdem zeigt auch diese Studie einen starken Zusammenhang der Umwelteinflüsse auf Bildungsaspirationen.
3.2 Ökonomie
Die Ökonomie beschäftigt sich auch mit Bildung, weil sie großen Einfluss auf den Wohlstand einer Gesellschaft hat. Bildung wird dabei als eine Investition in Menschen gesehen. Wenn Menschen mehr Wissen und Fähigkeiten haben, sind sie produktiver, innovativer und tragen stärker zum Wirtschaftswachstum bei. Aber: Nicht jede Form von Bildung bringt automatisch wirtschaftlichen Nutzen. Genau das untersuchen Hanushek und Woessmann (2020) in ihrem Kapitel „Education, Knowledge Capital, and Economic Growth“. Die Autoren zeigen, dass nicht die Anzahl der Schuljahre, sondern die tatsächlichen Lernleistungen entscheidend für das Wirtschaftswachstum eines Landes sind. Sie verwenden dafür den Begriff „Knowledge Capital“ – das ist das Wissen und die Kompetenzen, die Menschen in einem Land haben. Wenn Schülerinnen in einem Land bessere Ergebnisse bei internationalen Tests (wie PISA) erreichen, wächst die Wirtschaft dort langfristig schneller. Ihre Datenanalyse zeigt: Wenn ein Land eine Standardabweichung bessere Testergebnisse erreicht (z. B. 50 PISA-Punkte mehr), wächst seine Wirtschaft um etwa 2 % pro Jahr stärker. Der Effekt ist also sehr groß. Interessant ist auch: Wenn man nur auf Schuljahre schaut, sieht man kaum Unterschiede – aber die Qualität der Bildung macht einen großen Unterschied. Hanushek und Woessmann berechnen auch, wie stark sich Bildungsreformen auswirken könnten. Wenn zum Beispiel alle Jugendlichen in Deutschland mindestens das Basisniveau (PISA Level 1) erreichen, könnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) langfristig um etwa 3 % steigen. In Ländern mit geringerer Schulbeteiligung könnten die Effekte sogar noch viel größer sein. Die Autoren kommen zu dem Schluss: Mehr Schuljahre oder mehr Abschlüsse allein reichen nicht aus. Wichtig ist, dass die Bildung hochwertig ist und dass alle Kinder wirklich etwas lernen. Die Bildungspolitik sollte sich daher nicht nur auf Einschulung oder Abschlussquoten konzentrieren, sondern auf das, was Schülerinnen tatsächlich können. Insgesamt zeigt die Studie, dass gute Bildung nicht nur sozial wichtig ist, sondern auch wirtschaftlich viel bewirken kann. Bildungsexpansion ist also nur dann wirklich erfolgreich, wenn sie mit Qualitätsverbesserungen verbunden ist.
- Warum ist Deutschlands Bildungssystem ein entscheidender Hebel für die wirtschaftliche Zukunft ?
- Sehr fundiert und mit direktem Bezug zu Bildungsexpansion und ökonomischen Auswirkungen.
- ausführliches Interview von Hanushek, in dem er seine Forschungsergebnisse zur Bedeutung kognitiver Basisfertigkeiten für das Wirtschaftswachstum erläutert
- auf Englisch aber verständlich
4. Übergreifende Bewertung
4.1 Ist die Bildungsexpansion gut für die Gesellschaft
Die Bildungsexpansion (also der Ausbau und die breitere Zugänglichkeit von Bildung für immer mehr Menschen) gilt als eines der zentralen Merkmale moderner Gesellschaften. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich das Bildungsniveau in vielen Ländern erheblich erhöht. Immer mehr Menschen erwerben höhere Schulabschlüsse, besuchen weiterführende Schulen oder nehmen ein Studium auf. Aus gesellschaftlicher Sicht bietet die Bildungsexpansion viele Vorteile. Ein höheres Bildungsniveau in der Bevölkerung stärkt nicht nur die individuelle Lebensgestaltung, sondern auch die ökonomische Entwicklung und das soziale Miteinander. Bildung befähigt Menschen zur Teilhabe am Arbeitsmarkt, zum politischen Engagement und zu verantwortungsvollem Handeln.
Darüber hinaus zeigen Studien, dass höhere Bildung mit besserer Gesundheit, längerer Lebenserwartung und größerer sozialer Stabilität verbunden ist. Auch für die Demokratie hat Bildung eine wichtige Funktion: Sie fördert politische Informiertheit, Urteilsvermögen und Toleranz. Doch die Bildungsexpansion ist nicht frei von Herausforderungen. Kritiker*innen verweisen darauf hin, dass mehr Bildungsabschlüsse nicht automatisch mit mehr Chancengleichheit einhergehen. Soziale Ungleichheiten in Bildung beginnen oft schon im frühen Kindesalter und setzen sich trotz allgemeiner Ausweitung der Bildungsangebote fort. Kinder aus benachteiligten Familien oder mit Migrationshintergrund haben nach wie vor geringere Bildungschancen.
Auch kann es zu einer sogenannten Bildungsinflation kommen: Wenn immer mehr Menschen akademische Abschlüsse erwerben, verliert ein Hochschulabschluss teilweise seinen Wert auf dem Arbeitsmarkt. Ein weiteres Problem besteht darin, dass nicht alle Bildungsexpansion auch mit einem Qualitätszuwachs verbunden ist. Bildungssysteme, die vor allem auf mehr Teilhabe setzen, ohne auf Inhalte, pädagogische Qualität oder Kompetenzerwerb zu achten, laufen Gefahr, formale Abschlüsse zu vergeben, ohne dass diese mit tatsächlichen Fähigkeiten verknüpft sind. Grundsätzlich ja, aber nur dann, wenn sie sozial gerecht, qualitativ hochwertig und sinnvoll gesteuert ist. Bildungsexpansion hat enorme Potenziale für Demokratie, Innovation und soziale Entwicklung. Sie allein garantiert aber keine Chancengleichheit oder gesellschaftliche Fairness, wenn nicht auch Fragen von Zugang, Qualität und Verwertung mitgedacht werden.
4.2 Führt die Bildungsexpansion zu mehr Bildungsgerechtigkeit
Mithilfe der Bildungsexpansion sollten unter anderem Demokratisierung und Chancengleichheit vorangebracht werden. Dennoch lassen sich nach wie vor klare Unterschiede hinsichtlich der Bildungschancen erkennen. So spielen Herkunftseffekte und somit die soziale Herkunft von Schüler*innen noch immer eine große Rolle im Bildungserfolg und den Bildungsaspirationen.
Die Ungleichheit der Bildungschancen fängt schon in der frühkindlichen Bildung an. So werden Kinder je nach vorhandenen ökonomischen und kulturellen Kapital unterschiedlich gefördert und nehmen mehr oder weniger an förderlichen Angeboten teil. Dies führt schon beim Einstieg in die Primarstufe zu Unterschieden.
Innerhalb der Schullaufbahn wirken primäre Herkunftseffekte sich schließlich auf die schulischen Leistungen aus und sekundäre Herkunftseffekte führen zu unterschiedlichen Übergangsentscheidungen. Auch beim Übergang in die Hochschulbildung lässt sich ein starker Einfluss der sekundären Herkunftseffekte feststellen. Sowohl vertikale als auch horizontale Ungleichheiten führen hier zu unterschiedlichen Studien- und Berufsentscheidungen.
Die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen hat also nach wie vor einen starken Einfluss auf den jeweiligen Bildungsweg. Somit besteht auch noch immer eine starke Bildungschancenungleichheit, auch trotz der Bildungsexpansion.
Letztendlich könnte die Bildungexpansion für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen, sofern die Qualität des Bildungssystems und die individuelle Förderung von Schüler*innen weiter ausgebaut wird. Haushalte sollten mehr Unterstützung in Bildungsfragen erhalten und Bildungschancengleichheit sollte ein zentrales Thema der Bildungspolitik werden. Der Sektor der Elementarbildung sollte weiter ausgebaut und für alle zugänglich sein. Primäre Herkunftseffekte sollten durch einen stärkeren Fokus auf individuelle Fähigkeiten und eine passende Förderung verringert und sekundäre Herkunftseffekte mithilfe vermehrter finanzieller Unterstützung für betroffene Familien abgemildert werden. Eine Professionalisierung und Sensibilisierung der Lehrkräfte sollte tertiären Herkunftseffekten entgegenwirken.
Insgesamt sollte also das Potenzial der Bildungsexpansion ausgeschöpft werden und es sollte allen Kindern und Jugendlichen ermöglicht werden von ihr zu profitieren.
5. About
Redaktion: Luzie Jacobi, Vu Nguyen, Kemal Senel, Paul Arnstedt-Lin
Technische Umsetzung: Paul Arnstedt-Lin
Faktencheck: Vu Nguyen, Kemal Senel, Luzie Jacobi
Literatur
Ayorech, Z., Krapohl, E., Plomin, R., & Von Stumm, S. (2017). Genetic influence on intergenerational educational attainment. Psychological Science, 28(9), 1302-1310.
De Moll, F., & Betz, T. (2014). Inequality in pre-school education and care in Germany: an analysis by social class and immigrant status. International Studies in Sociology of Education, 24(3), 237-271.
Hadjar, A., & Becker, R. (2009). Erwartete und unerwartete Folgen der Bildungsexpansion in Deutschland. In Lehrbuch der Bildungssoziologie (S. 195–213). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-91711-5_7
Hanushek, E. A., & Woessmann, L. (2020). Education, knowledge capital, and economic growth. In The Economics of Education (pp. 171–182). Elsevier. https://doi.org/10.1016/b978-0-12-815391-8.00014-8
Reimer, D., & Pollak, R. (2010). Educational expansion and its consequences for vertical and horizontal inequalities in access to higher education in West Germany. European Sociological Review, 26(4), 415-430.
Scharf, J., Becker, M., Neumann, M., & Maaz, K. (2023). Rapid expansion of academic upper secondary graduation in Germany—Changing social inequalities in the transition to secondary and to tertiary education? Research in Social Stratification and Mobility, 84, 100771. https://doi.org/10.1016/j.rssm.2023.100771
Geißler, Rainer (2021): Bildungsexpansion und Bildungschancen: Bundeszentrale für politische Bildung URL:https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/sozialer-wandel-in-deutschland-324/198031/bildungsexpansion-und-bildungschancen/ (Abgerufen am 05. Juli 2025)